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Schweigen ist Zustimmung, doch Aufarbeitung nicht Rechtfertigung

Donnerstag, 30.August 2012 von Jusos MV

Arbeitskreise, Rechtsextremismus

Am vergangenen Wochenende erlebte Lichtenhagen zwei sehr unterschiedliche Konzepte von Protesterinnerung. Beide hatten ihre Berechtigung. Beide ihre Schwachstellen.

Am Samstag zogen mehr als 5000 junge Menschen in einem lautstarken Korso von Lütten Klein nach Lichtenhagen. Sie fragten die AnwohnerInnen ganz offen und ehrlich: Wo wart ihr? Was habt ihr (dagegen) getan? Doch Lichtenhagen schaute vom Balkon aus zu. Zu laut? Zu offen die Fragen? Ist der Tross derer, die in schwarz und halb vermummt die Reihen hinter Bannern fest geschlossen hielten, zu abschreckend? Kamen aus dem ersten Block der Demo noch Rufe wie: „Leute lasst das Glotzen sein – reiht euch in die Demo ein!“ ging vom Rest eine Atmosphäre der Gewaltbereitschaft und zum Teil auch Abscheu gegen die AnwohnerInnen aus. Mit Rufen wie „Nie wieder Deutschland“ ist es auch fraglich, ob man nach sportlichen (nationalen) Großveranstaltungen wie EM und Olympia mehr erreicht als ein verständnisloses Kopfschütteln.

Im Gegensatz dazu blieben bei der Gedenkveranstaltung, die im Rahmen von ‚Lichtenhagen bewegt sich‘ organisiert wurde, die politischen und rechtlichen Ereignisse, die seit 1992 den Umgang mit Rechtsextremismus, Asylpolitik oder der Abschottung Europas bestimmten, im Hintergrund. Aus den Reihen der ersten Demonstration wurde dieser Protest und auch die Rede Gaucks wegen seiner Oberflächlichkeit als ‚geheucheltes Lippenbekenntnis‘ abgetan, das gar relativierte, was damals geschah. Dabei ging es nicht um Relativierung, sondern um die Beleuchtung der Umstände, aus denen heraus Menschen dazu bereit waren, den Tod von mehr als hundert Menschen in Kauf zu nehmen – ein notwendiger Schritt um die Wiederholung derartiger Pogrome zu verhindern.

Daher scheint der friedliche Versuch, die BewohnerInnen Rostocks zu mobilisieren und durch ihr Kommen ein Zeichen gegen Rassismus und Extremismus zu setzen, der wichtigere. Dementsprechend beteiligten wir Jusos uns an der Fahrrad-Sternfahrt und initiierten den Fahrradzug ab Toitenwinkel über Gehlsdorf und durch den Warnowtunnel nach Lütten Klein und schließlich nach Lichtenhagen. Am Ende vereinigten sich mehr als 1000 Fahrräder in einem Zug zum Sonnenblumenhaus. Neben der Rede Gaucks stand dort die Pflanzung eines Baumes als Friedenssymbol auf dem Plan. Die Wahl einer Eiche mag aufgrund seiner Instrumentalisierung seit dem Kaiserreich unglücklich erscheinen und doch bleibt es unserer Meinung nach nur ein Baum, der ebenso ein Lebens- und Bleiberecht haben sollte wie alle Flüchtlinge und hoffentlich nicht der Säge Andersdenkender zum Opfer fallen wird.

Irritiert waren wir über die Abtrennung der geladenen „Gäste“ von den übrigen teilnehmenden BürgerInnen, die ja eigentlich mit einer solchen Veranstaltung hätten angesprochen werden sollen. Doch nicht nur die „Hamburger Gitter“ sondern auch die zwei riesigen Veranstaltungszelte versperrten den Blick auf die Bühne für das „einfache Volk“ und die schlechte Akustik tat ihr übriges. Unter Bürgernähe verstehen wir etwas anderes.

Ein abschließendes Wort an unseren Bundespräsidenten: Gewiss ist unser Land liebens-, lebens- und bewahrenswert, doch auch verändernswert.

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